Schwerin, 10.11.2020

Aufgrund der derzeitigen Situation kommt hier der Text zu Schwerin ein wenig verspätet. Das Lektorat bittet um bedingungslose Solidarität.

Am Abend des 10. Novembers versammelten sich auf dem Bertha-Klingenberg-Platz in Schwerin f(Mecklenburg-Vorpommern) ca. 400 Personen, um an einer Versammlung von Coronaleugner:innen, Verschwörungstheoretiker:innen und Antisemit:innen teilzunehmen.

Aufgerufen hatte dazu ursprünglich der „Arzt“ Bodo Schiffmann, welcher zusammen mit Ralf Ludwig, sowie weiteren Verschwörungstheoretiker:innen, in einem Bus seit einiger Zeit durch Deutschland tourt und auf den jeweiligen Zwischenhalten Verschwörungstheorien verbreitet. Jedoch wurden die Reisenden an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern angehalten, da es dort durch die verschärften Corona-Schutzbestimmungen für den November ein Einreiseverbot gibt.
Einen Tag, (nachdem sie mit der Veröffentlichung zahlreichen Videomaterials über das Steckenbleiben an der Grenze und entsprechendem Framings einen Shitstorm ihrer Follower:innen gegen den Einsatzleiter lostraten), durften sie jedoch nach Mecklenburg-Vorpommern einreisen. Inwiefern hier die Staatsgewalt eingeknickt ist, können wir selbstverständlich nicht sagen.

Die Versammlung begann jedoch bereits vor ihrem Eintreffen, sie war kurzfristig durch lokale „Querdenker“ aus
Schwerin angemeldet worden. Einzige Auflage: Die Anlage dürfe nur bis 22.00 Uhr verwendet werden.

Schon kurz nach 20 Uhr versammelten sich also mehrere Teilnehmer:innen  mit Kerzen, Transparenten und Luftballons am Versammlungsort, bald darauf trafen auch Lautsprecherwagen aus Schwerin und Rostock (erkennbar an den jeweiligen Nummernschildern) ein.

Bei dieser Kundgebung war erneut von der Spaltung innerhalb der Bewegungen die Rede. So predigte ein:e Redner:in den Zusammenhalt der „Querdenker“ und anderer Gruppen (ohne sich dabei von Neonazis oder ähnlichen Strömungen zu distanzieren) gegen die sogenannte „Corona-Diktatur“. Direkt darauf folgte eine Schweigeminute für alle „Querdenker“, welche während der Großdemonstration von „Querdenken“ in Leipzig am 07. November (wir berichteten), bei der es von Seiten der Versammlungsteilnehmer:innen zu zahlreichen Straftaten kam. Die Täter:innen waren nach Zeug:innenberichten dem Neonazi- bzw. Hooliganspektrum zuzuordnen.

Wie bei zahlreichen anderen Veranstaltungen von „Querdenken“ traten auch in Schwerin wieder Reichsbürger:innen in Erscheinung. So verteilte „Staatenlos-Info“ auf der Kundgebung Visitenkarten und Flyer mit zahlreichen Verschwörungstheorien rund um den die BRD und ihre angeblich nicht vorhandene Souveränität.

Auch die antisemitischen Q-Anon Verschwörungstheorien durften bei am Dienstag nicht fehlen. Ein angeblicher „Elternratsvorsitzender“ einer Schweriner Schule (im Nachhinein stellte sich heraus, dass er das nicht war) sprach beispielsweise davon, dass das Jugendamt ohne rechtliche oder moralische Grundlage Eltern ihre Kinder entziehen würde. Diese Kinder würden damit direkt Opfer von „Pädokriminellen Netzwerken“. Die Politik schaue dabei weg, während andere daran reich würden. Hierbei wird ein weiteres Mal die antisemitische Lüge von „kinderraubenden Juden“ reproduziert und straffrei verbreitet.

Einige Minuten, kurz vor halb 11, kam der in der Bewegung bekannte Bodo Schiffmann an, jedoch ohne seinen Bus, mit welchem er am Vorabend aufgehalten wurde.

Unter heftigem Beifall wurde er von der Menge begrüßt – Mindestabstände Fehlanzeige. Ebenso entsprechende Intervention von Staatsseite.

Zwischenrufende, welche die Versammlung aus einer gewissen Entfernung beobachteten, wurden von der kaum vorhandenen Polizei hingegen keineswegs geschützt. Mit der Zeit fühlten sich auch bekannte Gesichter der Schweriner Neonaziszene immer wohler und bedrängten die umstehenden Personen mehrmals, was zwar knapp
entschärft, jedoch nicht geahndet wurde. Auch hier wurden Journalist:innen von den Versammlungsteilnehmer:innen bedrängt und verfolgt.

Verhandeln um Aufschiebung der Auflagen
Um 22 Uhr sollte jedoch laut Auflagen Schluss sein mit der Benutzung der Lautsprecheranlagen.
Etwa fünf Minuten später wurde dies auch in die Tat umgesetzt. Vorerst wurden Reden lediglich über ein Megafon gehalten. Später wurde jedoch nach Verhandlungen mit der Schweriner Polizei die Anlage erneut verwendet.

Bekannte Gäste
Bei der Veranstaltung von „Querdenken“ Schwerin am 10. November 2020 kamen viele mittlerweile bekannte Persönlichkeiten zusammen.
Neben den bisher bereits erwähnten Personen Bodo Schiffmann, Aktivist Mann () und „Superman“ waren unter Anderem auch René Zeiz, Veranstalter des „Alternative[n] Filmfestival[s]“, bei welchem regelmäßig Verschwörungstheorien verbreitet werden, vor Ort. Auch Großherzog Friedrich Maik, welcher in den vergangenen Monaten versuchte, in Mecklenburg eine Monarchie unter sich aufzubauen, war anwesend.

Ein Fazit
Zu der verschwörungstheoretischen Veranstaltung in Schwerin am 10. November riefen deutschlandweit unterschiedlichste „Querdenken“-Gruppen auf. Innerhalb von wenigen Stunden mobilisierten sie so ca. 400 Personen aus unterschiedlichen norddeutschen Bundesländern auf den Bertha-Klingenberg-Platz in Schwerin.
Die Polizei, welche mit zeitweise bis zu fünf(!) Einsatzwagen anwesend war (ein Verhältnis, bei dem jede linke Demo in tiefes Erstaunen versetzt worden wäre), wäre bei jedem Verstoß gegen die Auflagen Mecklenburg-Vorpommerns bzw. der Versammlung ohnmächtig gewesen (und ahndete entsprechende Verstöße auch zuverlässig nicht). Sie verstand sich auch hier erneut eher als Partner der Versammlung und gewährte dieser trotz massiver Verletzungen der derzeit geltenden Hygienebestimmungen wiederholt Eingeständnisse bei der Durchführung der Versammlung.

Ob diese Demonstration nun eine Auswirkung auf die Richtung der norddeutschen „Querdenken“-Gruppierungen hat oder nur ein Testlauf der Erfolgschance der eigenen Mobilisierungsmöglichkeiten war, wird in den kommenden Wochen zu beobachten sein.