Klimacamp Venedig/Lido

Vom 4. – 8. September 2019 geschah in Venedig/Lido Historisches: Die erste direkte Zusammenarbeit zwischen italienischen und deutschen Umweltgruppen, sowie die erste größere geeinte Bewegung für Klimagerechtigkeit in Italien. Die kämpferischen italienischen Gruppierungen: unter anderem No Tav (kämpfen gegen Umweltzerstörung aufgrund einer geplanten Zug-Schnellbaustrecke, teilweise militant), No Grandi Navi (kämpfen gegen Kreuzfahrtschiffe in Venedig und liefern sich oft stundenlang Auseinandersetzungen mit der Polizei in den Kanälen von Venedig), Stop Eni (militante Aktionen gegen Ölkonzerne) und die Aktionsorientierten, aber oftmals pazifistischen deutschen Umweltgruppierungen. Konnte das funktionieren? Es funktionierte, aber es gab dabei immer wieder kleinere Konfliktpunkte, die jedoch in Anbetracht der Umstände zu erwarten gewesen waren.

Am Mittwoch wurde eine Wiese zum Zelten besetzt, nachdem der Platz eng wurde, besetzten die Aktivist_innen kurzerhand einen weiteren Raum. Polizei ist zu diesem Zeitpunkt keine vor Ort. Das Camp selbst findet in einem historischen Fort statt, angemeldet oder gar gemietet wurde nichts. Als Ort wurde Venedig/Lido ausgewählt, weil er „perfekt die Verbindung zwischen Kapitalismus und Umweltzerstörung zeige“. Lido ist eine Insel direkt vor Venedig, bekannt für ihre Luxushotels. Im Camp fanden Vorträge, Workshops, Filmaufführungen und Aktionsvorbereitungen statt. Donnerstag gab es ein Aktionsplenum.

„Die Deutschen forderten das Plenum, wir machen das sonst nicht. Wir handeln direkt“ sagte mir ein_e Veranstaltende auf Nachfrage. Wird das nun öfter gemacht? „We will see“

Während des Plenums gab es die ersten Konfliktpunkte. „Ob das Camp einen friedlichen Aktionskonsens habe?“ – „Nein, von uns geht keine Gewalt aus, aber wir werden auf Eskalationen der Polizei dementsprechend antworten.“

Es ist nun deutlich zu sehen, dass dies einigen Menschen aus dem Extinction Rebellion Umfeld nicht passt. „Wir bieten aber für alle Menschen etwas an, die aktionsorientierte Schiffsblockade eines Kreuzfahrtschiffes, aber gleichzeitig auch eine Demo mit wenig Konfliktpotential.“ Ein_e weitere_r Aktivist_in meldet sich: „Dann ist die Demo sicherlich angemeldet?“, die italienischen Aktivist_innen antworten erstaunt „Nein, wir melden hier nie etwas an. Wir sprechen weder mit den Behörden, noch mit der Polizei.“ Die darauf folgende Diskussion wird nun länger als 2 Stunden andauern, und die italienischen Aktivist_innen werden schlussendlich keinen Millimeter von diesem, ihrem Ansatz abweichen.

Donnerstags kommt es zu der bereits erwähnten Schiffsblockade und kürzeren Auseinandersetzungen mit der Polizei auf dem Wasser; die Landdemo wird dagegen nur von wenigen Polizist_innen begleitet. Das Konzept geht perfekt auf und auch zunächst skeptisch gewesene Menschen verlieren langsam ihre Scheu. Auf der Landdemo wird laut „One Struggle – One Fight! No Grandi Navi – Hambi bleibt“ skandiert, den Italiener_innen geht „Hambi bleibt“ nach 2,3 Ansätzen unter lautem Jubel gut über die Lippen. Die Verbindung ist geschaffen. Ich komme hierbei mit einem Menschen ins Gespräch. Nennen wir den Menschen einfach mal Quinn.

„Ich komme aus der Antifa Ecke, ich habe bei großen Bündnissen mitgearbeitet. Aber es ermüdete mich zusehends, wochenlange Arbeit für eine Latschdemo mit 30..40..50.000 Menschen. Das war’s. Hier hast du diese Latschdemos auch, aber alles ist aktionsorientierter. Hier wird das Problem an der Wurzel angegriffen.“

Abends im Camp ist die Vielfalt der Sprachen auffällig. Italienisch, Deutsch, Spanisch – als ein Film über den Hambacher Forst gezeigt wird, skandiert eine Gruppe Franzosen „Tout le monde déteste la police – die ganze Welt hasst die Polizei“, ein Großteil der Menschen zieht nach. Samstags wird der rote Teppich des Filmfestes der Biennale besetzt. Eine Sensation, Medienaufmerksamkeit ohne Ende, viele Interviews. Doch ist die Aktion an sich eine Sensation, oder nicht eher das Menschen aus vielen verschiedenen Spektren, länderübergreifend, ein funktionierendes Bündnis geschaffen haben? Menschen aus dem Autonomen Spektrum haben zusammen mit pazifistischen Hippies eine Polizeisperre überrannt. Ein französischer Aktivist antwortet mir lachend „in den heutigen Zeiten bekommen wir die auch noch radikal“.

Das Camp endete ohne Verhaftungen oder größere Zwischenfälle. Bisschen schade fand ich, dass es keine direkte Aktion in der Altstadt von Venedig gab. Aber wir kommen ja sicherlich wieder – natürlich nur, um über weitere Bündnispolitik und Aktionsformen zu berichten.

Anmerkung: Unterhaltungen auf Englisch und/oder Französisch wurden ins Deutsche übersetzt, es sei denn, das Originalzitat passte einfach besser und der Satz blieb dennoch verständlich.