#WannWennNichtJetzt-Tour (Plauen)

,,Hallo Provinz, du bist so wundervoll
Wer mich kennt, der weiß ich liebte dich schon als Kind
Die engen Gassen, spielen am Waldrand
In einem Umfeld, in dem alles stimmt
Du kannst zum Fußball gehen oder zur Feuerwehr
Und wenn du schießen willst zum Schützenverein
Es gibt das Dorffest, Gemeinschaft sowieso“ –  Egotronic (Hallo Provinz)

Plauen, ein Herzstück der sächsischen Provinz. Wir waren bereits am 01. Mai 2019 hier, als der Dritte Weg eine Demonstration anmeldete. Die Stadt ist bekannt für gut vernetzte Nazistrukturen und damit ein logisches Ziel für die #WannWennNichtJetzt-Kampagne, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, antifaschistische Themen ins Hinterland zu tragen.

Am 09/10. August war Plauen Tourstation der #WannWennNichtJetzt – Tour. Eine Tour, die linke Inhalte auf niedrigschwellige Weise, meist im Rahmen von Konzerten, offen auf die Marktplätze zehn „rechter“, ostdeutscher (Klein)Städte bringen möchte. Doch wie kam es in Plauen überhaupt dazu, dass rechte Strukturen Fuß fassen konnten und mittlerweile das Stadtbild prägen?

2014 wurde das Bayerische Neonazinetzwerk „Freies Netz Süd“ verboten. Der Schwerpunkt dieser Struktur lag in Oberfranken und Südthüringen, eine Vernetzung nach Ostdeutschland war – auch wenn der Name es nicht vermuten ließ – bereits gegeben. Einige Kader gingen nach dem Verbot in eine Parteistruktur („Der Dritte Weg“) über und zogen mit über 20 Familien nach Plauen. Vorteil dessen war, dass Parteistrukturen deutlich schwerer zu verbieten sind, wie das gescheiterte Verbotsverfahren der NPD deutlich zeigte. Seitdem sind (Kleinst)Parteien eine präferierte Organisationsstruktur, um Gelder und Unterstützung zu generieren. Während das „Freie Netz Süd“ immer wieder an GegenProtesten der Zivilgesellschaft und kreativer, autonomer Gegenwehr scheiterte, hatten es die gleichen Kader, nun als „Dritter Weg“, von Anfang an in Plauen leicht. Grund dafür war der parteipolitische Neuanstrich alter Strukturen und eine rechtsoffene Gesellschaft, welche gleichzeitig die Benennung und Auseinandersetzung mit Nazis scheute, um das Stadtbild nicht zu gefährden.¹

2016 empfahl der Oberbürgermeister, nicht gegen die Rechten zu demonstrieren, „sondern sie zu ignorieren“. Währenddessen wurden bei rechten Ausschreitungen Gegendemonstrant*innen und Journalist*innen angegriffen. Im Stadtteil Haselbrunn findet man die Parteizentrale des Dritten Wegs, seit Mai nutzt die sogenannte Partei auch eine zweite Immobilie. Angeboten werden eine Volksküche, Hausaufgabenbetreuung oder kostenlose Klamotten – natürlich nur für „Biodeutsche“, wobei die Auswahl nach rassifizierten Kriterien wie Hautfarbe und Nachnamen erfolgt.²

2019 schaffte es der Dritte Weg mit seiner 1. Mai Demonstration überregional in die Medien, selbst die New York Times berichtete über die Demonstration in NS-Ästhetik (leider ist der Artikel nicht mehr online), wir tickerten damals ebenfalls live.³

Trotzdem ist Plauen kein „No-Go-Area“, sondern „typische sächsische (Klein)stadt“. Das bedeutet zwar gleichzeitig keine Sicherheit, aber durchaus ein „Es geht noch schlimmer“ – wenn auch nicht viel. Die Politik lässt die Rechten gewähren, die Zivilgesellschaft wehrt sich auf ihre Art, zumindest Teile davon, das „große Ganze“ schweigt meistens. Der momentane Zustand ist den vielen Menschen und Initiativen, die sich täglich für eine offene Gesellschaft und gegen Rassismus einsetzen, zu verdanken. Die Stadt selbst schaut viel zu oft weg oder hindert die Menschen aktiv am Protest. Für diese Menschen war dieser Tag gedacht, ihnen zu zeigen „wir sehen euch, ihr seid nicht allein!“. Das Programm war sehr vielfältig und breit aufgestellt, von der Podiumsdiskussion „Von der Hoffnung zur Enttäuschung? Ein Gespräch über die Jahre der Wendezeit“ über einen Graffitiworkshop, verschiedene Redebeiträge, die Filmaufführung ,,Die Mission der Lifeline“ und Konzerte u. a. mit Creme Brulle und Egotronic. Die kritischen Stimmen blieben klar in der Minderheit, laut Augenzeug*innenberichten wurde beim Aufbau ein Nazifotograf weggeschickt. Über den Tag verteilt nutzten rund 600 Menschen das kulturelle Angebot, die Veranstalter*innen zeigten sich zufrieden.

Wir wünschen den Aktiven vor Ort weiterhin Kraft und Erfolg und wünschen uns, dass ihr sie bei anstehenden Aktionen unterstützt. Fahrt doch auch mal in die Provinz! Die aktiven Menschen vor Ort werden es euch danken, die Nazis werden sich ärgern. Es ist (noch) nicht alles im Arsch.