#le0907 und #le1007

„Hilfe, hier findet gerade eine Abschiebung statt, was sollen/können wir tun!“ lief über verschiedene Netzwerke. Es ist Dienstagabend, der 09.07.2019 und ich mache mich auf den Weg, um zumindest eine Berichterstattung zu ermöglichen.

In der Hildegardstraße (eine Straße im Osten von Leipzig, Querstraße zur Eisenbahnstraße, im Sommer sehr belebt) angekommen, fällt zuerst der Rettungswagen mitten auf der Straße auf, direkt daneben ein Notarztfahrzeug. Ungefähr zehn Supporter’innen stehen mehr oder weniger hilflos herum. Es wird davon gesprochen, dass es um eine kurdische Familie aus Syrien geht, allerdings nur die Mutter nach Spanien abgeschoben werden soll, diese aber verletzt/krank sei. Kurze Zeit später (es sammeln sich währenddessen immer mehr Menschen in der Straße) kommt ein sehr ruppiger Notarzt und meint „Hier gibt es keine Abschiebung, hier wird niemand abgeschoben!“, gefolgt von zwei Sanitäter’innen, die eine Frau auf einer Trage herausbringen und in den Rettungswagen befördern.

Kurze Zeit später kommt eine Gruppe von Polizist’innen heraus, in ihrer Mitte ein junger Mann mit ängstlichem Gesichtsausdruck. Er wird von zwei Seiten flankiert und an den Armen festgehalten. Auf lautstarke Fragen aus der Gruppe der Supporter’innen heraus wird nicht geantwortet. Kurzerhand setzt sich ein Grüppchen von zwanzig Personen vor das parkende Polizeifahrzeug, ein anderes, etwas kleineres Grüppchen setzt sich dahinter. Andere Personen bleiben stehen, umringen das Auto. Es kann nicht wegfahren, die Situation stagniert.

Im Laufe des Abends sammeln sich immer weitere Personen in der Hildegardstraße, bis es schlussendlich ca. 400 Leute sind, die vor, neben und hinter dem Polizeiauto stehen, sitzen, sich unterhalten. Die Stimmung ist, obwohl eine Blockade von einer Doppelreihe Polizei (BFE) gekesselt wurde, entspannt und gelöst. Gleichzeitig wird verboten, die Menschen im Kessel mit Wasser zu versorgen oder ihnen Schokolade zu geben, denn: „Diese befinden sich in einer polizeilichen Maßnahme, weil sie etwas falsch gemacht haben und müssen dafür nicht auch noch belohnt werden.“ Eine Person aus dem Kessel berichtet: „Als Wasserflaschen durchgereicht wurden, wurden die ersten Flaschen von der Polizei eingesammelt und am Boden zertreten. Uns wurde ins Gesicht geleuchtet, wir wurden mit Taschenlampen geblendet. Teilweise wurde dabei der Takt der Sprechchöre der Menschen außerhalb des Kessels übernommen, um uns zu zermürben. Die abgeschobene Person wurde als Drogenbesitzende bezeichnet, es wurde behauptet, es wären BtmG-Substanzen in der Wohnung gefunden worden. Als die Blockade aufgelöst werden sollte, wurde brachiale Gewalt gegen einige von uns ausgeübt. Außerdem gab es dauerhaft Witze und Spitzen gegen uns, wir wurden als ‚verrückte Ökos‘ und ‚opportunistisch‘ dargestellt, jede Handlung und Äußerung wurde abfällig kommentiert.“

Auch Menschen, die den äußeren Ring um den Kessel bildeten, bekamen diese Sprüche und Bemerkungen zu hören, wer sich einmischte wurde als „Teebeutel“ tituliert, weil sich diese Person „überall reinhängen“ würde.

Eine Person meldete eine Kundgebung an, diese fand dann auf dem Bürgersteig statt. Das hinderte die Supporter’innen nicht, weiterhin auf der Straße zu bleiben, es wurden Sitzgelegenheiten rausgestellt und sich unterhalten. Gleichzeitig wurde zeitweise der Weg zur Kundgebung von einer Polizeikette verhindert und die Menschen gezwungen, sich zwischen der einen und der anderen Hälfte der Straße zu entscheiden.

Gegen 01:30 wurde die Kundgebung aufgelöst, nachdem die Polizei zuerst begonnen hatte, die Blockade Richtung Konradstraße gewaltvoll zu räumen, danach abdrehte, einen Polizeikorridor aus BFE-Einheit blau bildete, die betroffene Person aus dem Auto zerrte, über den Bürgersteig, an dem keine Kundgebung stattfand rannte und die Person mit einem Polizeifahrzeug wegbrachte. Die gesamte Aktion nahm nicht einmal fünf Minuten in Anspruch, eine Person beschrieb es im Nachhinein als „Footballpraxis“ – blocken, den Blick des Gegners auf einen Punkt richten, ablenken und quer durch die Mitte.

Bei dieser Taktik wurde jedoch nicht bedacht, dass vierhundert Personen auf der Straße waren und nicht einfach verschwinden würden, weil die betroffene Person nicht mehr anwesend war, davon abgesehen, dass viele Menschen gar nicht erst mitbekommen hatten, dass die Person fortgebracht worden war.
Um 01:30 wurde die Kundgebung aufgelöst, die Versammlungsleitung hatte sich davon überzeugt, dass das Polizeifahrzeug leer war und die Person nicht mehr vor Ort. Danach wude die Polizeikette, die den Zugang zur Eisenbahnstraße versperrte, aufgelöst und die Staatsmacht stieg in ihre Autos – allerdings waren immer noch Menschen auf der Straße. Dies begründete sich unter Anderem durch die Tatsache, dass die Polizeikette auch jegliches Abfließen der Personen erfolgreich unterbunden hatte, sie konnten gar nicht innerhalb der wenigen Minuten des Auflösens abfließen.

Daraufhin umringte die Polizei das Fahrzeug, zog die Schlagstöcke und prügelte/schubste den Weg frei. Danach wurden Flaschen geworfen, es waren sehr viele Betroffene von rassistischer Polizeigewalt vor Ort, die Verhinderung der Abschiebung war gescheitert, viele wussten nicht genau, was eigentlich geschehen war und die Eskalation der Polizei kam völlig überraschend. Presse zu sein, schützte nicht, ich sah ein’e Kolleg’in durch die Luft fliegen, Pfeffer wurde gesprüht, mindestens eine Reizgasgranate flog durch die Luft und hüllte die Straße in Nebel. Ein‘ Kolleg’in wurde das Handy aus der Hand geschlagen, ich selbst verlor meine Brille (und es ist nicht der beste Ort, sie zwischen Polizeistiefeln suchen zu müssen. Im Dunkeln.)
Menschen schrien, husteten, weinten teilweise. Gleichzeitig flogen Flaschen, die Straße glitzerte vor Scherben. Als das Fahrzeug aus der Straße entfernt war, kehrte eine Minute der Stille ein.

Teilweise wollten Menschen nach Hause gehen, sammelten sich in Freund’innengruppen oder einzeln. Dann kam die Polizei zurück und stürmte brüllend mit einer Vielzahl an Beamt’innen die Straße, eine Person berichtet: „Ich hatte gerade mein Fahrrad geholt und wollte nach Hause. Ich war müde und enttäuscht, weil sie die Person trotz Widerstand weggebracht hatten. Dann kamen sie [die Polizei, Anm. d. Redaktion] zurück, ich stellte mich an die Häuserzeile, direkt an die Wand, hatte mein Fahrrad vor mir und die Hände gehoben. Ich hab deutlich gezeigt, dass ich völlig wehrlos bin und mich auch mit dem Fahrrad vor mir nicht schnell bewegen konnte. Trotzdem hat mich der erste Polizeibeamte, der mich erreichte, mit einem heftigen Stoß samt Fahrrad auf den Boden geworfen. Ich wollte möglichst schnell wieder aufstehen, weil ich befürchtete, ansonsten zum Opfer von Tritten vorbeirennender Polizisten zu werden. Als ich gerade dabei war, mich wieder aufzurichten schlug mir ein vorbeirennender Beamte mit der Faust ins Gesicht. Ich torkelte nach hinten und geriet mitten auf die Straße. Dort wurde ich zum Opfer zahlreicher weiterer Schläge und Tritte. Ein Polizist nahm mich in den Schwitzkasten und riss mich mehrere Meter mit und stieß mich dann weg. Ein weiterer Beamte drückte mich daraufhin gegen ein geparktes Auto. Ich schrie ihn an und fragte, weshalb er das mache. Er erwiderte drauf: „Weil du es verdient hast, du Arsch, weil du es verdient hast! Du provozierst mich, du provozierst mich!“ (Wiedergabe aus dem Gedächtnis)“. Die Person spricht auch nach zwei Tagen noch von Kieferschmerzen und einseitiger Taubheit.

Es war unglaublich konfus, keins konnte mehr einordnen, was jetzt eigentlich geschehen war oder geschehen sollte. Eine Personengruppe sammelte sich an der Kreuzung Hildegardstraße/Konradstraße, um die entstandenen Verletzungen zu versorgen. Mehrere Personen hatten Schnittverletzungen erlitten, eine blutete stark am Kopf, eine Person war bewusstlos, mindestens zwei Personen hatten Prellungen erlitten, darüber hinaus gab es noch oberflächliche Kratzer und Blutergüsse. Eine Atmosphäre der Unsicherheit und Angst war zu spüren, die wenigsten der Anwesenden hatten bereits Erfahrungen mit massiver Polizeigewalt.

Ich begab mich mit einem Kollegen zur Kreuzung an der Eisenbahnstraße, wo mehrere Mannschaftswägen in hoher Geschwindigkeit an uns vorbeifuhren, angeblich war eine Person festgenommen worden. Auch das Gerücht, es wäre ein Wasserwerfer angefordert worden und die Polizei hätte schwere Demomontur angelegt, ging herum. Die Gruppe an der Konradstraße hatte sich mittlerweile zerstreut, die Menschen gingen nach Hause, müde und angeschlagen. Die Straße glitzerte. Es war früh um vier.

(Fortsetzung zu #le1006 folgt spätestens morgen.)