Annaberg-Buchholz (16. Juni 2018)

Alle Jahre wieder – mit Kleiderbügeln und nackten Brüsten, mit Lippenstift und Netzstrumpfhosen, mit Flogger und Korsage gegen den Schweigemarsch in Annaberg-Buchholz.

Dieser Schweigemarsch wird jedes Jahr von fundamentalistischen Christ_innen organisiert, die damit gegen die Möglichkeit von Abtreibungen protestieren wollen, indem sie einen „Trauermarsch für das ungeborene Leben“ durchführen. Dieses Jahr wurden dazu sogar hundert Rollstühle und Kinderwagen organisiert, die leer geschoben werden sollten. Um ein Zeichen zu setzen, wie viele Kinder (mit Behinderungen) denn hätten leben können, wären sie nicht abgetrieben worden.

Aufgrund der örtlichen Gegebenheiten, das Erzgebirge ist als deutscher „Bible Belt“ bekannt, ist die Unterstützung vor Ort relativ hoch und die Gegenproteste erreichten die letzten Jahre nicht einmal annähernd die Zahlen der Fundamentalist_innen. Auch Schulen vor Ort rufen regelmäßig zur Teilnahme am Schweigemarsch auf und am Eingang des Ortes empfingen übergroße Banner und Transparente die Busse aus Leipzig, welche sich positiv auf den Marsch bezogen.

Gleichzeitig wird der Gegenprotest seit Jahren kriminalisiert und eine geschlossene Abreise war die letzten Jahre nur in Ketten möglich, damit nicht einzelne Gegenprotestierende noch beim Einsteigen in die Busse aus der Gruppe gezogen werden konnten. Provokationen durch, vor allem, junge BFE Einheiten aus Chemnitz gehören ebenfalls zur bitteren Tradition des Gegenprotests. Dennoch wird jedes Jahr vom Pro_Choice Bündnis zum Gegenprotest aufgerufen und dieses Mal war ich zum ersten Mal nicht als Teilnehmerin, sondern von Communique aus als Presse dabei. In der Innenstadt war ein feministisches Straßenfest aufgebaut, an dem sich sowohl radikale als auch gemäßigte Bündnisse, Parteien und Strukturen tummelten. Es gab unterschiedliche Stände mit Informationsmaterial, eine Bühne, KüFa und (Live) Musik. Dabei wechselten sich musikalische mit Diskussions- und Redebeiträgen ab.

Die Routen der Demonstrationen waren sehr unterschiedlich. Der Schweigemarsch hatte eine sehr lange Route, welche sich die meiste Zeit ungestört durch relativ leeres Gebiet bewegte. Die der Gegendemonstration war kürzer, führte durch die Innenstadt und eng bewohntes Gebiet und traf ungefähr auf der Hälfte der Strecke (ungefähr nach einem dreiviertel der Strecke des Schweigemarschs) auf selbigen. Danach überschnitten sich die Strecken, es musste jedoch ein Abstand von ca. 150m eingehalten werden.

Bei der vorherigen Begehung musste bereits zwei Stunden vor Start der Demonstrationen sich ausgewiesen werden, der Umgang mit der Presse war sehr unterschiedlich. Von ausgesuchter Höflichkeit bis hin zu „So, wie Sie rumlaufen, kann Ihr Ausweis gar nicht echt sein“ war alles dabei. Darüber hinaus wurden wir regelmäßig als Teilnehmer_innen der Gegendemonstration addressiert, das konnte jedoch in den meisten Fällen geklärt werden. Das Publikum des Schweigemarschs war überraschend gemischt – größtenteils ältere Menschen, aber auch junge Pärchen und Familien. Kinder, die leere Kinderwagen und Rollstühle schoben. Ein beängstigendes Bild.

Die Demonstration selbst startete unter dauerhafter Videoüberwachung (das betreffende Auto sollten wir zwei Wochen später noch einmal in Augsburg bewundern dürfen) von Seiten der Staatsmacht aus. Dabei war sie laut, bunt und kreativ. Dieses Jahr hatte ich das Gefühl, dass die Anzahl der Gegendemonstrant_innen die der Vorjahre übertraf. Leider wurde auch dieses Jahr das Thema „reproduktive Rechte“ sehr mit Cis Frauen verknüpft. Hier wäre es an den Veranstalter_innen, die Vielfältigkeit mehr in den Fokus zu stellen. Nicht nur Frauen gebären!