Dialogue #1 Augsburg – Hausbesetzung

Wir schreiben den 05.09.1980, ein ehemaliges Fabrikgelände in Augsburg wird erfolgreich von der links(radikalen) Szene besetzt. Mit einer Dauer von 1 Monat und 10 tagen wird diese Besetzung als längste ihrer Art in die Geschichte Bayerns eingehen. Im Dialogue #1 sprechen wir mit einem Aktivisten, der beim Ereignis vor Ort war…

Augsburg ist nicht gerade für eine große linke Szene bekannt. Wie kam es zu der Fabrikbesetzung?

Nun ja, die Aktion liegt ja nun schon ein paar Jahre zurück. 1980 war die gesamte Situation deutlich anders als heute. Die außerparlamentarische Opposition von links war deutlich breiter als heute. Neben den traditionellen linken Gruppen gab es ja auch die Umwelt und Anti-AKW Bewegung und natürlich auch autonome Gruppierungen. Die Übergänge zwischen gemäßigt und radikal waren sehr fließend, vor allem gab es aber weitaus weniger Abgrenzungen innerhalb der linken Szene. Insgesamt war der Ansatz ein sehr pragmatischer, wohl auch eine Lektion, die man aus den doch sehr theoretischen Ansätzen der ’68 Bewegung gelernt hat. Kurz gesagt, eine Vielzahl von Kleingruppen die nicht so sehr wahrgenommen wurden, die sich aber sehr problemlos zu Aktionen zusammenschließen konnten. Auslöser damals war wenig überraschend die Wohnungssituation. Auch wenn in Vergleich zu heute die Lage damals sicher weniger problematisch war, so war doch bezahlbarer Wohnraum schwer zu finden. Aber das war ja nicht die einzige Forderung die wir damals hatten. Es ging ja nicht nur um Wohnraum, sondern um Raum für alternative Lebensformen. Eine Kernforderung war wohnen und arbeiten wieder unter einem Dach zu ermöglichen. Das war auch ein Grund warum das Fabrikgelände am Senkelbach (Jetzt Standort des Arbeitsamtes in Augsburg) gewählt wurde, denn neben der völlig verwahrlosten Fabrik Besitzer Villa die wir Instand setzten gab es die Gebäude der ehemaligen Spinnerei und Weberei die als Teestube, Werkstätten etc. dienen sollten. Die Fläche des besetzten Geländes betrug etwa 60.000 qm.

Was waren die Ziele der Besetzung?

Zuerst war das ganze natürlich als Aktion geplant um ein Zeichen gegen Spekulation und Leerstand an Wohnraum zu setzten. Dazu kam wie schon erwähnt die Forderung nach Freiräumen für alternative Lebensformen. Grundsätzlich mussten wir natürlich davon ausgehen, dass wir innerhalb weniger Stunden durch die Polizei geräumt werden würden. Das war ja eben damals die vorgegebene Linie. Als dies nicht geschah haben wir dann in unendlich langen Sitzungen unsere sehr bescheidenen Forderungen formuliert: Bedingung für den Abzug: Bereitstellung von 1000 qm Wohnraum, 5000 qm gewerblich nutzbarer Räumlichkeiten und 10.000 qm landwirtschaftlicher Nutzfläche.

Während der Zeit der Besetzung gab es einen harten Kern von etwa 70 Menschen die sich dauerhaft auf dem Gelände aufgehalten haben und dort auch wirklich wohnten. Während der ersten Woche war es sogar möglich sich dort polizeilich zu melden. Nachdem mehrere dutzend Aktivisten davon Gebrauch gemacht haben wurde das Ordnungsamt allerdings stutzig und lehnet weitere Anträge ab. An den Abenden und den Wochenenden beteiligten sich bis zu 400 Menschen an der Besetzung. Besonders überraschend war die Unterstützung aus der „normalen“ Bevölkerung. Natürlich gab es die üblichen Fascho Sprüche von wegen „zu faul zum arbeiten“ etc. aber auf der anderen Seite waren da unzählige Angebote uns mit Möbel, Öfen, Baumaterial und anderem zu unterstützen.

Was konnte durch die Besetzung erreicht werden?

Im Verlauf der Besetzung wurde klar, dass ein dauerhafter Verbleib auf dem besetzten Gelände nicht möglich war. Zum einen gab es bereits konkrete Planungen für das neue Arbeitsamt, zum anderen wurde uns bewusst, dass eine auch nur teilweise Instandsetzung der dort vorhandenen Gebäude weit über das machbare hinausgehen würde. Letztlich standen sich zwei Ansichten gegenüber. Auf der einen Seite eine Gruppe die jegliche Verhandlungen über ein Ersatz Gelände ablehnte und die Besetzung bis zu einer Räumung fortführen wollte. Die andere Gruppe sprach sich dafür aus, auf das Angebot aus dem Augsburger Rathaus einzugehen Verhandlungen über ein Ersatz Gelände zu führen. Nach einem drei Tage und Nächte dauernden Plenum wurde dann der Verhandlungsweg eingeschlagen. Am Ende dieser Verhandlungen kam es dann dazu, dass die Stadt Augsburg uns zwei neben einander liegende Häuser mietfrei zur Verfügung stellte. Das bedeutete Wohnraum für etwa 30 Leute plus die Möglichkeit kleine Werkstätten einzurichten. Die anfallenden Renovierungsarbeiten wurden durch uns getragen.

Wurde während der Besetzung versucht mit Repression zu antworten?

Die ganze Besetzung verlief erstaunlich friedlich und ruhig. Die gesamte Aktion hat wohl die Verantwortlichen auf staatlicher Seite absolut unvorbereitet getroffen. Freitag spätnachmittag während der Ferienzeit war der perfekte Zeitpunkt für die Besetzung. Anscheinend war kein Verantwortlicher aufzutreiben. Am frühen Abend kam dann ein einzelner Mann durch das Tor auf das Gelände. Da wir natürlich das Auftauchen der Bullen erwarteten hatten wir Beobachter an den Zugängen. Als der gute Mann uns sah hob er eine Hand in der er eine Trillerpfeife hielt und rief uns zu:“ Ich will mit euch reden, wenn ihr mir was tut pfeife ich und die Polizei kommt.“ Wir haben ihm dann freies Geleit zugesichert. Er stellte sich als Ordnungsreferent der Stadt Augsburg vor. In der provisorischen Teestube kam es dann nach dem ersten Bier zu einer recht angenehmen Diskussion und der Vereinbarung, dass erst mal bis Montag nichts passiert, solange wir keine weiteren Besetzungen im Stadtgebiet durchführen würden. Gleichzeitig garantierte man uns, dass der Zugang zum Gelände nicht behindert wird und keine Kontrollen durchgeführt werden. Während der ganzen Besetzung gab es nur einen Zwischenfall mit der Polizei. Bei einem Soli Konzert auf dem Gelände fuhr eine Polizeistreife direkt vor die besetzten Gebäude, da sich ein Anwohner wegen Lärm beschwert hatte. Angesichts der rund 400 Leute die das Konzert besuchten traten die aber sofort den Rückzug an. Es kam im Verlauf der Besetzung zu keinen Festnahmen und die Polizei trat praktisch nicht in Erscheinung. Die ersten paar Tage gab es eine permanente Polizei Präsenz in der Nähe des Geländes, die wurde dann aber auch abgezogen. Der Grund für die Zurückhaltung lag dabei wohl weniger bei der Polizei. In Augsburg regierte damals die SPD und die wollte wohl die Bayrische CSU geführte Staatsregierung etwas ärgern. Außerdem hatten wir ja bewusst ein Objekt ausgewählt das im städtischen/staatlichen Besitz war. Gerade in solchen Fällen kann man so, meine Sicht – deutlich mehr erreichen, besonders wenn man mehr öffentlichen Druck aufbauen kann als bei privatem Eigentum.

Wie ist die Lage vor Ort aktuell?

Mittlerweile sind die beiden Häuser abgerissen. Ich selbst habe die ersten drei Jahre dort gelebt. Die Häuser bestanden dann noch einige Jahre fort, mussten dann aber dem Neubau einer Umgehungstraße weichen. Dieser Abschnitt der Hausbesetzung ist leider der weniger erfolgreiche. Das grosse Engagement der Leute während der Besetzung flaute leider bei sehr vielen sehr schnell und sehr stark ab. Die Bereitschaft Zeit und Arbeit in die Renovierung der Häuser zu stecken war von Beginn an sehr gering. Die ersten paar Tage waren es gerade mal zwei BesetzerInnen und ich die die Fenster neu verglast haben, die Räume von Müll befreiten und auch bereits in den Häusern wohnten. Das ist im Januar bei minus Graden sicher nicht so aufregend wie im Sommer ein Haus zu besetzen. Selbstkritisch will ich aber auch anmerken, dass wir nie angenommen hatten ein solches Ergebniß zu erzielen. Schlicht und einfach, die Aktion war als Protest geplant und der berühmte Plan B nicht vorhanden.

Was hat sich deiner Meinung zu früher im Häuserkampf verändert?

In der Hausbesetzer Szene ist ja durchaus Aktivität vorhanden. Für Bayern und im Besonderen für München kann man das ja nun nicht sagen. Es gibt ja in München einige Häuser die in den Schlagzeilen sind, zufällig wohnen ich in einem von ihnen und bin natürlich auch am Kampf um die Erhaltung des Hauses und der sozialen Strukturen beteiligt. Hausbesetzungen sind ja nicht nur der Versuch bezahlbaren Wohnraum zu erhalten, sondern so wie ich es verstehe ein Angriff auf bestehende Besitzverhältnisse . Und ohne diese anzugreifen wird sich an der Situation bestimmt nichts ändern. Wir erleben ja gerade mit, wie durch Niedrigzinsen und Risiken am Aktienmarkt Wohnraum immer mehr zum Spekulationsobjekt degradiert wird. Wenn man in einer Stadt wie München sein Geld in einem Mietshaus anlegt, dann bringen Steuer Ersparnis und Wertsteigerung teilweise mehr als man mit den Mieten verdient. Gerade dieser Leerstand wird aber hier leider so gut wie gar nicht bekämpft. Es wird wie immer sehr viel diskutiert, aber das reicht eben nicht. Hausbesetzungen braucht einen pragmatischen Ansatz, keine seitenlangen theoretischen Diskurse über Kapital und Gerechtigkeit.

Was denkst du wie der Häuserkampf in der Zukunft aussehen wird?

Die Zukunft hängt sicher wiederum von den bereits vorhanden bzw. nicht vorhandenen Strukturen der Szene ab. Als erstes wäre es sehr wichtig, dass die Leute die sich bereits im Kampf um den Erhalt von Wohnraum befinden zusammenfinden. Da gibt es leider kaum eine wirkliche Kooperation außerhalb der halbgaren bürgerlichen Organisationen hier in München. Denn eins ist klar, Einzelaktionen bringen bestenfalls ein paar Schlagzeilen für einige Tage. Es wäre ein Anfang, wenn alle Leute hier in München die von Entmietung aufgrund von Spekulation mit Wohnraum betroffen sind mal für ein paar Tage Transpis aus dem Fenster hängen würden um auf die Situation hinzuweisen. Am besten mit dem dezenten Hinweis versehen, dass man das nicht widerstandslos hinnehmen wird, sozusagen eine simulierte Besetzung.

Ob hier in München im Moment das Potenzial für eine wirkliche Hausbesetzung vorhanden ist kann ich schwer einschätzen. Sehr optimistisch bin ich da allerdings nicht. Besonders erschreckend empfinde ich die Einstellung vieler Menschen – „man könne ja eh nichts machen“. Bestenfalls bekommen die Leute einmal für fünf Minuten ihren Arsch hoch, aber das war es dann auch schon.

Eine gelungene Aktion könnte da sicher sehr viel mehr motivierend und mobilisierend wirken. Vor allem wenn man sie auf eine möglichst breite Basis stellt.

Danke für das Gespräch.