„Der Dritte Weg“ in Berlin (3. Oktober 2020)

 

Am 3. Oktober versuchten rund 300 Neonazis der Kleinstpartei „Der Dritte Weg“ durch Berlin-Hohenschönhausen zu laufen. Spoiler: Das Ganze verlief nicht sehr erfolgreich.
Aber fangen wir von vorne an:

Am S-Bahnhof Wartenberg versammelte sich „Der Dritte Weg“ unter dem Motto „Ein Volk will Zukunft“. Dabei kam auch eine Delegation aus der Ukraine, sowie Einzelpersonen aus Bulgarien und den Niederlanden. Die Nazis zeigten sich überrascht, dass die Polizei jede einzelne Person sorgfältig kontrollierte.

Dabei wurden mehrere verbotene Gegenstände konfisziert, es kam dabei zu mehreren Festnahmen. Während die Nazis sich weiter sammelten, durchbrachen mehrere hundert Antifaschist:Innen die Hamburger Gitter und bildeten Barrikaden und Sitzblockaden auf der Route. Hierbei entstanden Sachschäden an einem Polizeiauto sowie einem Privatwagen, verziert mit rechter Symbolik.
Vereinzelt flogen Steine, Flaschen, Buttersäure und Bengalos auf die Polizist:Innen. Nachdem die Nazis nur wenige hundert Meter bis zur ersten Sitzblockade laufen konnten, standen sie nun fast zwei Stunden am gleichen Fleck. Eingebettet zwischen Hochhausschluchten, die in der DDR erbaut wurden und Dönerbuden.

Nachdem die Nazis diese unfreiwillige Pause für Redebeiträge nutzten, wurde, nach einer Routenänderung, eine Sitzblockade geräumt und die Nazis auf einer – völlig ungesicherten Route – durch Hinterhöfe von Wohnblöcken geleitet. Hierbei kam es zu Stein- und Flaschenwürfen auf die Nazis, diese nutzten die Situation und attackierten Polizist:Innen; „aus Notwehr!“ wie sie später selbst behaupteten. Nach einer kurzen Route, die mir eher wie eine Jagd auf Nazis bzw. eine unfreiwillige Flucht auf Seiten der Rechten, als eine Demonstration vorkam, erreichten die Nazis wieder den S-Bahnhof Wartenberg. Leider fielen mal wieder vor allem Berliner Polizeieinheiten mit brutalen Festnahmen und völlig unnötigen Schmerzgriffen bei Sitzblockaden auf.

Es zeigte sich, dass an diesem Tag verschiedene Protestformen perfekt zusammenarbeiteten. Friedlich und Militant – Hand in Hand. „Der Dritte Weg“ kündigte verärgert (und im Fall einiger TeilnehmerInnen sowie der eigenen Außendarstellung mit Blessuren versehen) an, wieder nach Berlin zu kommen.

Trotzdem muss man leider auch einordnen, das es den Nazis vom „Dritten Weg“ mit rund 300 Teilnehmer:Innen gelang, den größten Neonaziaufmarsch während Covid19 zu organisieren und teilweise durchzuführen.
Mit der Ankündigung, am 1. Mai 2021 in Zwickau zu demonstrieren, verzichtete man auf die erneute Provokation in (halbwegs) „Linken“ Städten aufzumarschieren und möchte zurück in sein sicheres Hinterland.

Nehmt ihnen dieses Hinterland!

Flickr Fotoalbum: https://www.flickr.com/photos/156632786@N03/albums/72157716295616796

Solidarität mit Chemnitzer Genoss_innen!

Am 25.10.2019 wurde in Chemnitz das dort vorhandene CDU-Büro besetzt, um

anlässlich der am 9. Oktober 2019 eingeleiteten türkischen Militäroffensive gegen die Menschen in Nord- und Ostsyrien (Rojava), welche keinesfalls der „Grenzsicherung“, sondern faktisch der Vernichtung der kurdischen Identität und aller kurdischen, besonders im Zuge der Revolution in Rojava geschaffenen Errungenschaften, dienen sollte, sowie aufgrund der politischen, wirtschaftlichen und personellen Verbindungen der BRD mit der faschistischen türkischen Präsidialdiktatur,

auf die Situation und die Verflechtungen deutscher Politik aufmerksam zu machen und Widerstand zu zeigen.

Wir beglückwünschen alle Menschen, die auch in Städten wie Chemnitz, Heidenau, Zwickau oder Glauchau antifaschistischen Aktivismus betreiben und sich von der Situation in vor allem der ostdeutschen Provinz nicht einschüchtern lassen.
In den Strukturen der Großstädte lassen sich immer innerlinke Konflikte ausleben und ausdiskutieren, diese Möglichkeit gibt die Provinz nicht immer her – dafür gibt es schlicht zu wenige von uns dort. Und wer schonmal den Baumarkt nicht betreten konnte, weil die Nazis sonst das Nummernschild des Autos auf dem Schirm gehabt hätten, weiß, wovon wir sprechen.
Auch, wenn wir in der Analyse nicht immer übereinstimmen, auch, wenn wir uns in politischen Diskussionen wohl nicht zwingend auf der gleichen Seite stehend wiederfinden würden, möchten wir hiermit unsere Solidarität mit den Chemnitzer Genoss_innen aussprechen.
(Und sie dennoch bitten, ihre verlinkten Texte kritisch bezüglich Antisemitismus zu reflektieren.)

Im Zuge dessen wurde nun gegen die Besetzenden das Mahlwerk staatlicher Repression in Gang gesetzt – wir antworten darauf mit Solidarität.
Unter https://cdubesetzen.noblogs.org/ könnt ihr mehr über die Besetzung und die formulierte Kritik erfahren und für die Genoss_innen spenden.

Solidarität ist eine Waffe und wir wissen ganz genau, wie man sie gebraucht! (Auch, wenn wir nicht immer einer Meinung sind und gerne mit euch mal eine Diskussion über Israel führen würden, um uns einen genaueren Eindruck von euch machen zu können.)

Erinnern heißt Kämpfen. Gedenken an Patrick Thürmer zu #Hot0310

Erinnern heißt Kämpfen!

HINWEIS Der Text ist zwei geteilt: Der Bericht vom Tag ist in normaler Schrift gehalten, ein Bericht von den Ereignissen vor 20 Jahren ist in Kursiv.

CN: Gewalt und Tod ist Unterstrichen dargestellt (Eine Stelle im Text)

Hohenstein-Ernstthal ist eine Kleinstadt in Sachsen, viel passiert hier nicht. Hier leben etwas mehr als 15.000 Menschen, Karl May (das ist der mit den Western, nicht der mit dem Kapital) wurde hier geboren und einmal im Jahr gibt es das Motorradrennen auf dem Sachsenring.

Am 3. Oktober 2019 war dann doch auf einmal etwas los. Auf dem Bahnhofsvorplatz versammelten sich Demonstrant_innen, es läuft Punkrock. Auf einem Hochtransprarent steht der Grund für ihre Versammlung „Patrick Thürmer – 2. Oktober 1999“. 300 Demonstrant_innen versammeln sich dann hinter dem Fronttransparent mit der Aufschrift „In Gedenken an alle Opfer rechter Gewalt“. Viele junge Menschen sind unter ihnen, einige in schwarz, andere tragen Patches auf ihrer Kleidung und sehen aus wie typische Punks in der kleinstädtischen Vorstellung.

Nachdem es im ersten Redebeitrag um Hohenstein ging, soll es losgehen. An die vom Bündnis „Chemnitz Nazifrei“ organisierte Demonstration wird sich eine Veranstaltung anschließen, bei der es eine Lesung, einen Vortrag und eine Podiumsdiskussion geben wird. Eigentlich sollte diese Veranstaltung auch in Hohenstein stattfinden, aber trotz aller erdenklichen Bemühungen, einen Raum dafür zu finden, gab es nur Absagen. Egal ob private oder städtische Räume, alle sprachen sie von „Politischer Neutralität“ oder man wolle sich nicht „auf die eine oder andere Seite schlagen“.

Welche „Seite“ das Gedenken an einen Toten sein soll, wurde dabei nicht genauer beschrieben (offener Brief des BCN: https://www.facebook.com/buendnis.frieden.toleranz/photos/a.567392356625769/2626503980714586/?type=3&theater )

Patrick Thürmer ist eines von 186 Todesopfer rechter Gewalt¹ seit 1991 in Deutschland, 19 davon allein in Sachsen. Er war 17 Jahre alt, als er im Anschluss an ein Konzert auf dem Heimweg überfallen wurde. Zuvor gab es eine Auseinandersetzung zwischen Punks und Nazis.

Für den 1. Oktober 1999 war ein Punkkonzert angekündigt worden. Schon am Nachmittag trafen sich Punks vor dem Jugendhaus „Off Is“ und freuten sich auf einen guten Abend mit Musik, Tanz und kühlen Getränken. Von diesem Konzert hatten aber auch Nazis erfahren und so kam es schon am frühen Abend zu ersten Verletzten. Die angreifenden Nazis/kritische Bürger konnten sich im Zweifelsfall immer wieder in die Diskothek „La Belle“ zurückziehen, welche sich in direkter Nachbarschaft zum Jugendhaus befand.

Nach der Kundgebung am Bahnhof lief die Demonstration in Richtung des Tatortes, an welchem Patrick später gefunden worden war. Vorbei an Wohnhäusern führte die Route nach Oberlungwitz, einen Ort weiter. Mit Nieselregen und pfeifendem Wind gab auch das Wetter an diesem Tag der Stimmung im Demonstrationszug die passende Kulisse. Dort angekommen kam ein Anwohner auf uns zu, er pöbelte, war aggressiv, dabei kam dennoch heraus, dass die Gedenktafel, die am Tatort an Patrick erinnert und von Freunden von ihm angebracht worden ist, demoliert und hinter einem Baum versteckt worden war. Teilnehmende der Demonstration hoben diese nun auf und reinigten sie.

Dabei zeigte sich, dass sie beschmiert worden war (https://twitter.com/johannesgrunert/status/1179703060676919296). Nach seinem Abgang pöbelte dieser Anwohner gegen Demonstrierende und Politzist_innen auf seinem Grundstück weiter.

Ein Redebeitrag über die damaligen Geschehnisse in Hohenstein wurde anschließend verlesen.

Nachdem die Punks im Jugendhaus das „La Belle“ als Rückzugsort der Nazis identifizierten hatten, zogen ca. 30-60 von ihnen vor die Diskothek. Hier gab es im Erdgeschoss große Schaufenster, hinter denen die Nazis gestanden haben sollen und oberkörperfrei provozierende Gesten zeigten. Es kam zu einem Angriff von Punks auf das „La Belle“, dabei wurden auch umstehende Fahrzeuge beschädigt, da diese für Autos der Nazis gehalten wurden (am Ende zeigte sich, dass nur zwei von Nazis waren, der Rest gehörte Anwohner_innen). Nach der darauf folgenden Massenschlägerei zogen sich die Punks zurück. Die bereits anwesenden Nazis riefen in der Zwischenzeit Verstärkung aus Chemnitz, im speziellen mit Thomas Hallers „HooNaRa“ ( Abk. für Hooligans, Nazis, Rassisten) waren sie vernetzt. Keine halbe Stunde später trafen diese in Hohenstein ein.

Die Demonstration lief vom Tatort aus zurück nach Hohenstein-Ernstthal, trotz des schlechten Wetters blieben die Menschen laut, nur selten konnte im gesamten Demozug die Musik vom Lastenrad gehört werden. Der Platz für die nächste Zwischenkundgebung wurde dann in der Conrad-Claus Straße bezogen, direkt vor dem „La Belle“ und nur 100 Meter vom Jugendclub (beide geschlossen/umgezogen ) entfernt. Hier ging es nun darum, ob die Nacht von Patricks Tod ein Nachspiel gehabt hätte.

Es kam schon zwei Tage später zu einer ersten Antifaschistischen Spontandemonstration, bei der Parolen an Wände gesprüht und auch ein Fahrzeug beschädigt worden war. Ebenfalls ereignete sich ein versuchter Brandanschlag innerhalb weniger Tage. Der geworfene Molotovcocktail prallte damals ab und zersprang auf dem Gehsteig. Auch die Gerichtsverhandlungen waren ein Thema, besonders schockierend damals ein Urteil, welches Klecks betraf. Klecks war der Kumpel von Patrick, der mit ihm zusammen nach Hause laufen wollte und auch zusammengeschlagen wurde. Er konnte fliehen und versteckte sich unter Schock in einer Sparkassenfilliale; verurteilt wurde er wegen unterlassener Hilfeleistung zu einer Geldstrafe.

Nach diesem Redebeitrag wurden 19 Schilder ausgeteilt, auf ihnen standen die Namen der in Sachsen von Rechtsradikalen getöteten Menschen. Diese sollten auch im nächsten Redebeitrag eine Ehrung finden. Auf dem Markt der Stadt gab es erneut eine Kundgebung, an deren Ende Rosen und Nelken ausgeteilt wurden. Danach  sctrat die schweigende Demonstration nun ihren Weg zum Gedenkstein an.

Als die Hooligans in Hohenstein eintrafen, dauerte es nicht lange, bis sie sich vor dem Jugendhaus aufstellten. Aus der oberen Etage wurden sie mit Flaschen und anderen Wurfgegenständen attackiert, damit wurden sie auf Abstand gehalten. Andere Punks verbarrikadierten unten die Türen. Es dauerte lange, bis die Polizei eintraf, dann bildeten sie ein Spalier vor dem Jugendhaus und alle darin Befindlichen wurden abgeführt. Im nahegelegenen Revier wurden diese dann in „Schutzhaft“ genommen, so die Aussage der Polizei damals. Erst am nächsten Tag wurden die letzten von ihnen nach Verhören und Befragungen entlassen.

Klecks und Patrick waren nicht unter ihnen, sie flohen über das Dach des angrenzenden Amtsgericht, wollten Polizei und Nazischlägern entgehen.

Es ist beeindruckend, wenn 300 Menschen, die zuvor noch laut und kämpferisch waren, nun bedächtig schweigend durch die engen Straßen einer Kleinstadt ziehen. Die Schritte hallen von den Häusern wider. Still kommt die Demonstration am Gedenkstein an, hier warten die Mutter und Schwester von Patrick. Zusammen mit der RAA haben sie einen Redebeitrag geschrieben, sie gedenken auf ihre Art ihrem Sohn und Bruder, sagten aber auch Danke an die Opferberatung, die so viele Jahre mit ihnen zusammen um ein würdiges Gedenken gestritten; und den Menschen des „Bündnis Chemnitz Nazifrei“, die dieses würdige Gedenken organisierten. Beim Blick in die Gesichter sah man die Betroffenheit aller Anwesenden. Nach einer Schweigeminuten wurden die Blumen niedergelegt, dazu hatte sich die Familie Musik gewünscht, abgesehen von der Musik blieb es still. Und die Stille blieb bestehen, eine beinahe greifbare Stimmung entstand.

Doch leider kamen sie nie an. Als sie durch Oberlungwitz liefen, hielt auf einmal ein blauer Kleinbus neben ihnen, drei Männer stiegen aus. Sie hatten einen Billardque und einen Axtstiel bei sich. Sofort attackierten sie Patrick und Klecks. Klecks stellte sich bewusstlos und konnte so einer weiteren Tortur entgehen. Patrick konnte dies nicht. Sie schlugen auch weiter auf ihn ein, nachdem er das Bewusstsein verloren hatte, als letztes zertrümmern sie seine Kniescheibe, um zu überprüfen ob er nicht simuliert. Anschließend warfen sie ihn dann in den Lungwitzbach. Am nächsten Morgen fanden ihn Passanten, mit dem Helikopter kam er in die Klinik, leider zu spät. Er verstarb am Vormittag des 2.10.1999 im Klinikum.

Auf dem Rückweg hatte sich die Stimmung der Demonstration verändert, zwischen laute, wütende und käpferische Rufe mischte sich auch Betroffenheit und Trauer. Es ging um einen von ihnen, einen von uns.

Eigentlich sollte es am Bahnhof noch eine „Küche für Alle“ vor der gemeinsamen Abreise geben. Auch ein Redebeitrag war geplant. Leider sah sich die Staatsmacht gezwungen, wegen eines angeblich verklebten Stickers eine Person aus der Demo zu ziehen und sie zu zwingen, den Sticker zu entfernen – um dann großmütig von einer Anzeige abzusehen „da ja kein Schaden entstanden sei“.

Vor dem Beenden der Kundgebung gab es noch einmal ein Dankeschön an alle Beteiligten, die Organisatoren vom Bündnis Chemnitz Nazifrei, die Opferberatung RAA und den Teilnehmenden, die sich bei Nieselregen und Kälte in einer sächsischen Kleinstadt versammelt hatten, um Patrick zu gedenken.

Nach der Demonstration gab es eine Veranstaltung in Chemnitz, die das Thema der Demonstration noch einmal vertiefte. Dabei gab es einen Vortrag, eine Lesung mit Heike Kleffner aus ihrem Buch „Unter Sachsen – Zwischen Wut und Willkommen“ und einer anschließenden Podiumsdiskussion.

Es war eine gelungene Veranstaltung, zum 20. Todestag. Ein würdiges Gedenken war möglich und dennoch waren Trauer und Wut eine klare Verbindung eingegangen. An n diesem Tag wurde eine Parole Wirklichkeit: Kein Vergeben! Kein Vergessen!

 

Quellen:

1: Amadeo Antonio Stiftung